Zehn Jahre später, im Kleinformat: der Bus, die Crew – und eine Torte, die es
verdient hat.
Heute vor zehn Jahren, am 22. August 2016, standen wir morgens in Goch am Niederrhein, haben die Türen zugezogen, den Motor angelassen und sind losgefahren. Erster Kilometer. Ab da zählte nur noch die Straße.
Zehn Jahre. Das ist lang genug, dass man sich fragt, ob das wirklich alles passiert ist – und kurz genug, dass man beim Durchblättern der alten Beiträge sofort wieder den Geruch von warmem Bus, Sonnencreme und Campingplatz in der Nase hat.
Wie alles anfing: Feuerwehrrot – das Wappen war nur noch als Schatten im Lack
zu erkennen.
Zehn Jahre – der Song
Ein rundes Jubiläum wollten wir nicht nur beschreiben. Also gibt es zum Zehnjährigen etwas, das es in zehn Jahren Grand Road Trip noch nie gab: einen eigenen Song – mit Video.
Angefangen hat er allerdings nicht in diesem Jahr, sondern am zweiten Tag der Reise: am 23. August 2016, spätabends auf einem Campingplatz in Frankreich. Die Gitarre war ausgepackt, die ersten Akkorde angespielt – bis jemand der Ansicht war, damit könne man es jetzt langsam mal gut sein lassen.
Genau diese Akkorde stehen heute am Anfang des Songs – insofern geht ein Teil des Dankes an den, der damals nicht rechtzeitig gestoppt hat.
Der Text ist dann im Laufe der Reise weitergewachsen. Jede Etappe hat etwas beigesteuert, und am Ende hatte er seine eigene Geschichte geschrieben – erlebt statt ausgedacht.
Und dann passierte erst einmal: nichts. Ideen und Skizzen lagen viele Jahre auf der Festplatte. Nicht, weil sie vergessen waren, und nicht, weil wir es nicht gekonnt hätten – es fehlte die Zeit. Ein fertiger Song hieß damals: Studio, Technik, viele freie Wochen. Die hatte neben Beruf und Alltag keiner von uns. Also vergingen die Jahre. Was am Ende gefehlt hat, war ein Anlass – ein Datum, an dem man nicht vorbeikommt. Zehn Jahre sind so eins. Also haben wir ihn endlich zu Ende gebracht.
Der Abend gehört zu dieser Etappe: Tag 2 – Auf dem Weg nach Paris.
Wie das alles anfing
Anfang Januar 2016 haben wir einen Bulli organisiert – einen T4, zu dem es so gut wie keine Dokumentation gab. Entsprechend fing es an: Verschleißteile tauschen, Technik sortieren, alles einmal auf links drehen. Anfang Juli ging dann alles ganz schnell: neuer Lack, von Rot auf Schwarz, das Sonnendeck – und am 6. Juli die erste Probefahrt, der Moment, in dem aus einem Schrauberprojekt ein Fahrzeug wurde. Sechs Wochen vor der Abfahrt.
Damals lief auf der alten Seite eine Umfrage mit der Frage, wie weit wir es mit dem Bus wohl schaffen würden. Das Vertrauen unserer Leser war, sagen wir es freundlich, gemischt. Wir haben es sportlich genommen. Die Antwort liefert am Ende sowieso die Straße.
Warum „Grand Road Trip"
Der Name ist keine Marketingleistung, sondern ein Abend in der Planungsphase. Zwischen Teilelisten und Streckenkarten lief GTA 5 – und irgendwann stand der Titel eigentlich schon da. Grand Theft Auto, Grand Road Trip. Eine Anspielung, mehr war nicht beabsichtigt.
Aber sie passte. In GTA verbringt man Stunden damit, einfach über die Karte zu cruisen: Küstenstraße, Wüste, Bergpass, ohne Auftrag, nur um zu sehen, was hinter der nächsten Kurve liegt. Genau das hatten wir vor – nur mit einem echten Bus.
26 Tage, 9.095 Kilometer
Vom 22. August bis zum 16. September 2016 ging es einmal die Westküste Europas runter und über Italien wieder hoch: Belgien, Frankreich, Andorra, Spanien, Portugal, Gibraltar, Monaco, Italien, Österreich. Kein Hotel-Hopping, kein Pauschalprogramm – Straße, Campingplätze, Tankstopps, jeden Tag ein neues Ziel.
Was davon hängen geblieben ist, sind selten die Postkartenmotive. Es ist Doel, das belgische Geisterdorf zwischen Hafen und Kühlturm, dessen leere Häuser über und über mit Streetart bedeckt sind. Der Col du Pourtalet in den Pyrenäen. Das Cabo de São Vicente, wo Europa aufhört. Der Fels von Gibraltar. Die Serpentinen der Cinque Terre. Und dazwischen die Fahrtage, an denen nichts Spektakuläres passiert – und die trotzdem der eigentliche Kern der Sache sind.
Tag 7, hinter dem Col du Pourtalet: Blick ins Valle de Tena – eines der Bilder, die
nach zehn Jahren sofort wieder da sind – GPS: 42.729 N, 0.315 W
Was danach kam
Es blieb nicht bei der einen Tour.
2017 ging es nach Sölden und zum Parookaville – kleinere Runden, aber der Bus war dabei.
2018 wurde das Jahr der Entscheidungen. Erst die Antriebswelle, dann im Mai der schwerste Beschluss: Wir haben den T4 verkauft. „Danke, Bulli – es war uns ein Fest" stand damals hier. Es war nicht das Ende, nur ein Kapitelwechsel. Im August ging es nach Schottland: eine Woche, 3.972 Kilometer, von Dover über den Windermere Lake und Fort William bis nach Thurso ganz im Norden und zurück über Edinburgh. Ausfälle unterwegs: eine durchgebrannte Sicherung.
Mai 2018, Schlussstrich: Der T4 sucht ein neues Zuhause. „Danke, Bulli – es war
uns ein Fest."
Die Schottland-Runde 2018 auf der Karte: über den Ärmelkanal, einmal hoch bis
Thurso und auf der anderen Seite zurück – Kartenausschnitt: Google Earth
2019 brauchte es einen neuen fahrbaren Untersatz. Es wurde ein BMW E39 Touring mit über einer halben Million Kilometer auf der Uhr – und beim Carbage Run durfte er zeigen, dass das kein Argument ist. Von Kopenhagen über die Øresundbrücke, quer durch Schweden, über eine Offroad-Piste bis an die norwegische Atlantikstraße und wieder zurück nach Mantorp. Rund 3.000 Kilometer, eine Woche, Aufgabenzettel, Surströmming und blond gefärbte Haare.
Und dann wurde es still
Der letzte Beitrag hier stammt vom April 2020. Danach kam erst die Welt dazwischen und dann das, was bei den meisten irgendwann dazwischenkommt: Jobs, Umzüge, eigene Projekte. Still wurde es dabei nur hier auf der Seite – nicht zwischen uns. Kein Drama, kein Zerwürfnis, keine Funkstille. Nur eben keiner, der sich abends noch hinsetzt und einen Beitrag schreibt.
Was wirklich geblieben ist
Man sagt ja, auf einer langen Reise entscheide sich, ob eine Freundschaft trägt: Danach geht man entweder getrennte Wege – oder man ist enger zusammen als vorher. Bei uns war es eindeutig das Zweite.
26 Tage auf engstem Raum, bei Hitze, mit dünnen Nerven, knappem Budget und einem Bus, dem man jeden Kilometer angehört hat. Da bleibt nichts verborgen. Man erlebt einander bei Pannen, bei Fehlplanungen, nach zu wenig Schlaf und drei Stunden Stau – und man merkt ziemlich schnell, mit wem man das durchziehen kann. Diese Reise hat uns zusammengeschweißt, mehr als jedes gemeinsame Wochenende es je gekonnt hätte.
Und deshalb reden wir bis heute darüber. Nicht in großen Worten, sondern so, wie das eben läuft: Einer fängt mit „weißt du noch, in Doel …" an, und zwei Stunden später sitzt man immer noch da. Die Geschichten haben sich in zehn Jahren kein bisschen abgenutzt. Unvergesslich ist so ein abgegriffenes Wort – hier passt es einfach.
Ein kleines Vermächtnis
Zum Jubiläum haben wir die Seite technisch auf den neuesten Stand gebracht – schneller, auf jedem Gerät lesbar und fit für die Zukunft. Was hier steht, soll auch in zwanzig Jahren noch zu finden sein.
Die Tour von 2016 haben wir bei der Gelegenheit neu erzählt: Statt vieler kurzer Tagesmeldungen gibt es jetzt eine durchgehende Etappenserie – jeder Tag ein Beitrag, mit Strecke, Fotos, Tipps und dem Video an der richtigen Stelle.
„Archiv" wäre trotzdem das falsche Wort dafür. Ein Archiv legt man an, damit man später mal etwas nachschlagen kann. Darum geht es hier nicht. Das hier ist ein kleines Vermächtnis an eine verdammt gute Zeit – an einen Bus, der es nicht hätte schaffen müssen, an drei Leute, die einfach losgefahren sind, und an alles, was zwischen Goch und Gibraltar passiert ist.
Deshalb war uns eines wichtig: Es geht nichts verloren. Jedes Video, jeder Instagram-Beitrag, jedes Foto von damals ist weiterhin da. Auch die alten „The Moment"-Rückblicke, die wir im Winter nach der Tour geschrieben haben, stehen unverändert an ihrer Stelle – neben den neuen Etappenberichten, nicht an deren Stelle.
Wer die Reise nochmal von vorne lesen will, fängt am besten beim Überblick zum Grand Road Trip 2016 an.
Portofino an Tag 22: Pastellhäuser über dem Hafen – GPS: 44.304 N, 9.207 E
Danke
An alle, die damals die Videos geschaut, kommentiert, mitgefiebert und uns unterwegs einen Kaffee ausgegeben haben: Danke. Zehn Jahre später steht fest, dass die beste Entscheidung dieses Projekts die allererste war – einfach loszufahren, obwohl längst nicht alles geklärt war.
Ob nochmal was kommt? 2018 haben wir das offengelassen, und ganz ehrlich: Der Gedanke ist nie weg gewesen. Es muss ja nicht gleich wieder ein Monat quer durch Europa sein. Irgendwann nochmal eine kleinere Tour – ein paar Tage, eine überschaubare Strecke, dieselbe Besetzung. Das würde völlig reichen.
Die Straße ist ja noch da.
Bis dahin – schön, dass ihr wieder hier seid.